wenn der köprer anders tickt
Neurodivergenz11 Min. Lesezeitvon Isabel Reusser

Körperliche Erkrankungen bei ADHS und Autismus

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Wer sich mit Neurodivergenz und vor allem mit ADHS und Autismus beschäftigt, denkt zunächst an das Gehirn, an Konzentration, Reizverarbeitung und Stimmungsschwankungen. Dass ADHS und Autismus auch den Körper betreffen können, ist weniger bekannt. Die Forschung zeigt zunehmend, dass neurodivergente Menschen bestimmte körperliche Erkrankungen häufiger entwickeln als die Allgemeinbevölkerung. Das betrifft Frauen und Männer. Von manchen Erkrankungen sind Frauen häufiger betroffen, doch kaum jemand denkt dabei an ADHS oder Autismus.

 

Gelenke und Bindegewebe

Gelenkhypermobilität, also Gelenke, die sich weiter bewegen lassen als anatomisch üblich, kommt bei Menschen mit Autismus und ADHS deutlich häufiger vor als bei neurotypischen Menschen. In einer kleinen Studie aus dem Jahr 2023 mit 67 autistischen Kindern hatten 63 bis 73 Prozent erhöhte Hypermobilitätswerte.

Wenn die Überbeweglichkeit Beschwerden macht, sprechen Fachleute von einer Hypermobilitäts-Spektrum-Störung. Die Gelenke sind instabiler, renken sich leichter aus und schmerzen.

Dahinter kann auch das Ehlers-Danlos-Syndrom stecken, kurz EDS, eine vererbliche Erkrankung des Bindegewebes. Bindegewebe ist im gesamten Körper vorhanden. Es stützt Gelenke, Haut, Organe und Blutgefäße. Wenn es weniger stabil ist als üblich, entstehen Beschwerden an sehr unterschiedlichen Stellen gleichzeitig. Dazu gehören chronische Gelenkschmerzen, häufige Verstauchungen, Muskelverspannungen, eine dehnbare, verletzliche Haut und Erschöpfung. Viele bekommen die Diagnose erst nach Jahren, weil die Beschwerden so vielfältig sind.

 

Schmerz und Fibromyalgie

Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom. Typisch sind Muskel- und Gelenkschmerzen, anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen und kognitive Einschränkungen, der sogenannte Brain Fog. Fibromyalgie betrifft vor allem Frauen. Sie kann unabhängig von Gelenkhypermobilität entstehen, tritt aber häufig gemeinsam mit ihr auf.

Die Diagnose ist schwierig, weil alle gängigen Untersuchungen wie Blutbild, Röntgen und MRT keinen Befund zeigen. Die Beschwerden sind real, aber medizinisch unsichtbar. Viele Betroffene laufen jahrelang von Facharzt zu Facharzt, bevor sie ernst genommen werden.

Bei neurodivergenten Menschen kommt hinzu, dass das Nervensystem Schmerzreize anders verarbeitet. Fachleute sprechen von zentraler Sensibilisierung. Das zentrale Nervensystem reagiert empfindlicher auf Schmerzreize als bei neurotypischen Menschen. Schmerzen werden dadurch intensiver wahrgenommen, auch wenn keine strukturelle Ursache erkennbar ist.

 

Herz-Kreislauf und autonomes Nervensystem

Das autonome Nervensystem steuert Funktionen, die wir nicht bewusst kontrollieren, etwa Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung und Temperatur. Bei neurodivergenten Menschen ist dieses System anders reguliert als bei neurotypischen, mit Folgen für den gesamten Körper.

Eine bekannte Folge dieser Dysregulation ist POTS, das Posturale Orthostatische Tachykardiesyndrom. Beim Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen steigt der Puls ungewöhnlich stark an. Schwindel, Herzrasen, Benommenheit bis hin zur Ohnmacht und eine ausgeprägte Erschöpfung sind die Folge. POTS wird bei neurodivergenten Menschen, insbesondere bei Frauen, häufiger beschrieben als in der Allgemeinbevölkerung. Es tritt zudem gemeinsam mit Gelenkhypermobilität, Fibromyalgie und Autoimmunerkrankungen auf. POTS wird leicht als Angststörung oder allgemeine Erschöpfung fehlgedeutet, auch weil es überwiegend Frauen betrifft und deren Beschwerden im Medizinsystem systematisch unterschätzt werden.

Auch Bluthochdruck spielt eine Rolle. Eine große Bevölkerungsstudie zeigt, dass Erwachsene mit ADHS ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, darunter Bluthochdruck. Als Ursachen gelten chronischer Stress, Schlafmangel und die Schwierigkeit, gesunde Routinen dauerhaft beizubehalten.

 

Magen und Darm

Magen-Darm-Beschwerden gehören zu den am besten untersuchten körperlichen Begleiterkrankungen. Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung oder Durchfall, Sodbrennen, Übelkeit und Nahrungsmittelunverträglichkeiten treten bei neurodivergenten Menschen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Der Zusammenhang liegt einerseits im Bindegewebe, das auch die Darmwand betrifft, andererseits in der anderen Reizverarbeitung des Nervensystems über die Darm-Hirn-Achse.

 

Immunsystem, Allergien und Autoimmunerkrankungen

Auch das Immunsystem reagiert bei vielen neurodivergenten Menschen anders. Allergien, Asthma und Neurodermitis kommen bei Menschen mit ADHS und Autismus häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.

Auch zwischen ADHS und Autoimmunerkrankungen fanden Forschende einen Zusammenhang, zum Beispiel bei Hashimoto, rheumatoider Arthritis, Schuppenflechte und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die Erkrankungen häufen sich auch innerhalb von Familien. Das spricht für gemeinsame genetische Grundlagen.

Das Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS, wird ebenfalls vermehrt bei neurodivergenten Menschen beschrieben. Mastzellen sind Teil des Immunsystems. Bei MCAS reagieren sie überaktiv und setzen zu viele Botenstoffe wie Histamin frei. Das zeigt sich in allergieähnlichen Beschwerden, Hautausschlägen, Magen-Darm-Problemen, Überempfindlichkeit auf Gerüche oder Temperaturen und verstärkter Erschöpfung. MCAS wird selten erkannt. Die Forschung dazu steht noch am Anfang.

 

Migräne und Schlaf

Migräne und chronische Kopfschmerzen treten bei ADHS und Autismus häufiger auf. Die dauerhafte Reizüberflutung durch Licht und Lärm und die Muskelanspannung, die daraus entsteht, können Anfälle begünstigen.

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen überhaupt. Dazu zählen Ein- und Durchschlafstörungen und ein verschobener Schlafrhythmus, bei dem der Körper erst spät in der Nacht müde wird. Eine Rolle spielt dabei ein veränderter Melatoninhaushalt.

 

Zyklus und Hormone

Hormone begleiten Frauen durch alle Lebensphasen, und neurodivergente Frauen spüren ihre Schwankungen besonders deutlich.

Das beginnt beim monatlichen Zyklus. Viele neurodivergente Frauen merken, dass ihre Symptome in der zweiten Zyklushälfte stärker werden. Die Konzentration lässt nach, Reize sind schwerer auszuhalten, die Stimmung kippt schneller. Was dann als PMS abgetan wird, kann eine Prämenstruelle Dysphorische Störung sein, kurz PMDS. Sie ist eine schwere Form des PMS, die den Alltag erheblich einschränkt, und sie tritt bei neurodivergenten Frauen häufiger auf.

Auch das Polyzystische Ovarialsyndrom, kurz PCOS, hängt mit dem Hormonhaushalt zusammen. Frauen mit ADHS haben es häufiger. Typische Anzeichen sind ein unregelmäßiger Zyklus, erhöhte männliche Hormone und mögliche Schwierigkeiten, schwanger zu werden.

Spannende, wenn auch noch vorläufige Erkenntnisse gibt es zur Endometriose. Bei dieser östrogenabhängigen Erkrankung wächst Gewebe ähnlich der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter. Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat untersucht, welche weiteren Diagnosen Frauen mit Endometriose häufiger haben. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang mit ADHS, und zwar in beide Richtungen. Frauen mit Endometriose hatten häufiger eine ADHS-Diagnose, und Frauen mit ADHS bekamen später häufiger die Diagnose Endometriose. Warum das so ist, weiß man noch nicht. Für Autismus fehlen solche Daten bisher.

Die größte hormonelle Umstellung kommt mit der Perimenopause, den Jahren vor der letzten Regelblutung. Östrogen beeinflusst direkt das Dopaminsystem und die sensorische Reizschwelle, und beides spielt bei ADHS und Autismus eine zentrale Rolle. Wenn der Östrogenspiegel zu schwanken beginnt, bricht für viele Frauen zusammen, was jahrzehntelang funktioniert hat. Das Maskieren kostet plötzlich zu viel Energie, und der Alltag wird immer schwerer zu bewältigen. Deshalb denken viele Frauen in dieser Lebensphase zum ersten Mal ernsthaft über Neurodivergenz nach oder bekommen erstmals eine Diagnose.

Und danach? Nach der Menopause, wenn sich die Hormone auf einem niedrigeren Niveau eingependelt haben, berichten manche Frauen von einer spürbaren Entlastung. Die Forschung dazu ist noch begrenzt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass vor allem die Schwankungen belasten und nicht das niedrige Östrogen selbst.

 

Stoffwechsel 

Auch der Stoffwechsel reagiert auf ein neurodivergentes Nervensystem. Erwachsene mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2. Auch Übergewicht kommt bei ADHS häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.

Ein Grund liegt im Belohnungssystem. Bei ADHS ist der Dopaminhaushalt verändert, und Essen gleicht das kurzfristig aus. Vor allem Zucker und schnelle Kohlenhydrate liefern eine schnelle Belohnung und helfen, sich zu regulieren. Hinzu kommt der Alltag. Wer im Hyperfokus arbeitet, vergisst das Essen, bis am Abend der Heißhunger kommt.

Bei Autismus sieht es anders aus. Hier spielt die Reizverarbeitung die größere Rolle. Viele autistische Menschen essen nur eine begrenzte Auswahl an Lebensmitteln, weil Konsistenz, Geruch oder Geschmack anderer Speisen kaum auszuhalten sind. Auf Dauer kann das zu einer einseitigen Ernährung und zu Nährstoffmängeln führen.

Und schließlich wirken auch Medikamente auf den Stoffwechsel. ADHS-Medikamente dämpfen den Appetit, manche andere Psychopharmaka fördern dagegen eine Gewichtszunahme.

 

Ein Körper, der anders funktioniert

Diese Erkrankungen treten nicht zufällig gemeinsam auf. Genetische Faktoren, Besonderheiten im autonomen Nervensystem und im Immunsystem, eine andere Reizverarbeitung und hormonelle Einflüsse verbinden sie. Hinzu kommt der Langzeiteffekt von chronischem Stress. Jahrelanges Maskieren, sensorische Überlastung und das Fehlen passender Diagnosen belasten den Körper dauerhaft.

Neurodivergente Menschen und besonders Frauen werden mit diesen Beschwerden medizinisch nicht ernst genommen, oder die Symptome werden getrennt voneinander betrachtet, ohne den Zusammenhang zur Neurodivergenz herzustellen. Das Bewusstsein dafür wächst. Wer die Verbindungen kennt, kann gezielter nach Antworten suchen.

Ich selbst habe jahrelang nach Ursachen für viele meiner Symptome und Schmerzen gesucht. Heute verstehe ich meinen Körper besser und kann gezieltere Entscheidungen treffen.

isabel reusser autorin

Über die Autorin

Isabel Reusser

Schreibt über Neurodivergenz und Frauengesundheit, aus eigener Erfahrung. Sachlich, direkt und mit einer Prise Humor. Setzt sich dafür ein, dass Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen werden.

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