AuDHS
Neurodivergenz8 Min. Lesezeitvon Isabel Reusser

AuDHS – zwischen Rückzug und Neugier

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Ich brauche Routine und halte sie kaum aus. Ich möchte Menschen nah sein und brauche danach dringend meine Ruhe. Ich plane jeden Schritt und werfe den Plan beim nächsten Impuls wieder um. So fühlt sich AuDHS an, also Autismus und ADHS gleichzeitig. Zwei Bedürfnisse, die ständig gegeneinander arbeiten. Lange galt das als unmöglich. Heute weiß man, dass es sogar ziemlich häufig vorkommt.

 

Lange hieß es entweder oder

Bis 2013 durften Autismus und ADHS offiziell nicht gleichzeitig diagnostiziert werden. Im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-IV schloss die Autismusdiagnose eine ADHS-Diagnose aus. Man ging davon aus, dass sich die Unaufmerksamkeit und Unruhe durch den Autismus erklären lassen. Erst mit dem DSM-5 im Jahr 2013 fiel diese Regel weg.

Auch in der ICD-10, nach der in Deutschland bis heute abgerechnet wird, war eine gleichzeitige Diagnose ursprünglich ausgeschlossen. Die neue ICD-11 erlaubt die Doppeldiagnose ausdrücklich. Sie gilt international seit 2022, in Deutschland soll sie aber erst ab 2027 verbindlich eingeführt werden.

Für viele Erwachsene bedeutet das, dass sie als Kind nur eine der beiden Diagnosen bekommen konnten oder gar keine. Der Rest ihres Erlebens blieb ohne Erklärung.

 

Häufiger als gedacht

Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2021 kommt zu dem Ergebnis, dass rund 40 Prozent der autistischen Menschen auch die Kriterien für ADHS erfüllen. Je nach Studie liegen die Zahlen zwischen 30 und 50 Prozent.

Dass beides so oft zusammen auftritt, hat viel mit den Genen zu tun. Familienstudien zeigen, dass Geschwister autistischer Menschen deutlich häufiger ADHS haben als andere. Bei eineiigen Zwillingen ist der Zusammenhang besonders stark. Autismus und ADHS teilen sich also einen Teil ihrer genetischen Grundlage.

 

Zwei Bedürfnisse, die sich widersprechen

Was AuDHS so besonders macht, ist nicht einfach die Summe aus beidem. Es sind die Widersprüche. Der autistische Teil wünscht sich feste Abläufe und Vorhersehbarkeit. Der ADHS-Teil langweilt sich schnell und sucht nach Neuem. Das Ergebnis ist eine Routine, die man dringend braucht und trotzdem kaum aushält.

Ähnlich ist es mit Reizen. Autistische Menschen werden schnell von Geräuschen, Licht oder Gerüchen überflutet. Menschen mit ADHS suchen dagegen oft nach Stimulation, damit ihr Kopf in Gang kommt. Mit AuDHS sucht man Reize und ist gleichzeitig von ihnen überfordert.

Auch im Kontakt mit anderen ziehen die beiden Seiten in verschiedene Richtungen. Da ist der Wunsch nach Austausch, nach Gesprächen und Nähe. Und kurz danach das dringende Bedürfnis nach Rückzug, weil jede Begegnung viel Energie gekostet hat.

Selbst beim Fokus gibt es kaum einen Mittelweg. Entweder man versinkt stundenlang in einem Thema und vergisst alles um sich herum, oder man bekommt überhaupt nichts auf die Reihe.

 

Wie sich beides gegenseitig verdeckt

Autismus und ADHS verstärken sich nicht einfach. Oft gleichen sie sich nach außen hin aus, und genau das macht AuDHS so schwer erkennbar.

Ein Beispiel ist der Kontakt zu anderen Menschen. Das gängige Bild von Autismus ist ein Mensch, der wenig Interesse an sozialen Kontakten hat. Mit AuDHS ist der ADHS-Anteil aber oft neugierig, gesprächig und offen. Man verabredet sich, geht auf Feiern und redet viel. Dass man sich in der Gruppe fremd fühlt, Gespräche hinterher stundenlang im Kopf durchgeht und danach tagelang Ruhe braucht, sieht niemand.

Umgekehrt kann der autistische Anteil das ADHS verstecken. Wer Struktur und Vorhersehbarkeit braucht, entwickelt oft ausgeklügelte Systeme, feste Abläufe und genaue Listen. Von außen wirkt das organisiert und zuverlässig. Dass diese Systeme nur mit großer Anstrengung das innere Chaos zusammenhalten, bleibt unsichtbar.

Auch Spezialinteressen fallen weniger auf. Mit ADHS gehören wechselnde Begeisterung und Hyperfokus dazu, mit Autismus die tiefe, lang anhaltende Beschäftigung mit einem Thema. Bei AuDHS mischt sich beides.

Dazu kommt das Maskieren. Viele Frauen haben über Jahre gelernt, sich anzupassen und nicht aufzufallen. Dabei maskieren nicht nur autistische Menschen, sondern auch Menschen mit ADHS. Mit AuDHS überlagern sich also nicht nur die Symptome, sondern auch die Strategien, sie zu verbergen.

Das Ergebnis ist paradox. Nach außen fällt man weniger auf als mit nur einer der beiden Diagnosen. Innen ist die Anstrengung aber noch größer, weil man zwei Systeme gleichzeitig ausgleicht.

 

Oft kommt die zweite Diagnose erst Jahre später

Weil sich beides überlagert, wird meistens zuerst nur eine Diagnose gestellt. Eine amerikanische Studie mit fast 1.500 autistischen Kindern zeigte, dass bei rund 45 Prozent derjenigen, die beides hatten, zuerst ADHS diagnostiziert wurde. Der Autismus wurde dann im Schnitt mehr als drei Jahre später erkannt.

Fachleute gehen davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Kinder, die beides haben, auch tatsächlich beide Diagnosen bekommt. Bei Erwachsenen dürfte die Lücke noch größer sein, weil viele von ihnen als Kind gar nicht untersucht wurden.

Wer eine ADHS-Diagnose hat und sich trotzdem nicht ganz darin wiederfindet, sollte deshalb auch an Autismus denken. Umgekehrt gilt das genauso.

 

Ein täglicher Kraftakt

Mit AuDHS verhandelt man ständig mit sich selbst. Welches Bedürfnis hat gerade Vorrang? Wie viel Abwechslung verträgt der Tag, ohne dass es zu viel wird? Eine Lösung, die beide Seiten ganz zufriedenstellt, gibt es selten.

Dazu kommt die Kraft, die das Anpassen im Alltag kostet. Nach außen wirkt vieles organisiert und ruhig. Innen läuft dauerhaft ein Abgleich zwischen zwei Systemen, der irgendwann erschöpft. Viele Betroffene kennen deshalb Phasen, in denen einfach nichts mehr geht.

Häufig ist es genau diese Erschöpfung, mit der Frauen schließlich Hilfe suchen. Dann wird oft zuerst eine Depression, eine Angststörung oder ein Burnout diagnostiziert. Die Beschwerden sind echt, doch die Ursache dahinter bleibt verborgen, solange niemand nach Autismus und ADHS fragt.

 

Was helfen kann

Der wichtigste Schritt ist, beide Seiten ernst zu nehmen, statt eine gegen die andere auszuspielen. Die Widersprüche sind keine Launen und keine Charakterschwäche. Sie entstehen, weil zwei unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig da sind.

Im Alltag helfen deshalb Strukturen, die Spielraum lassen. Eine feste Grundroutine gibt dem autistischen Anteil Sicherheit. Innerhalb dieser Routine darf es Abwechslung geben, etwa wechselnde Aufgaben oder neue Wege zum gleichen Ziel. So bekommt auch der ADHS-Anteil, was er braucht.

Ähnlich ist es mit Reizen und Kontakten. Statt sie ganz zu meiden oder sich von ihnen treiben zu lassen, hilft es, sie bewusst zu dosieren. Auf einen anregenden Termin folgt eine Pause mit wenig Reizen. Nach einem geselligen Abend ist ein ruhiger Tag eingeplant. Das ist kein Luxus, sondern notwendig, damit die Energie reicht.

Auch bei professioneller Unterstützung lohnt es sich, darauf zu achten, dass beide Seiten gesehen werden. Hilfe, die nur auf Autismus oder nur auf ADHS zugeschnitten ist, greift oft zu kurz.

Wenn Du wissen möchtest, ob Autismus oder ADHS bei Dir eine Rolle spielen könnte, findest Du in meinen Artikeln »Weiblicher Autismus – Warum er so oft übersehen wird« und »ADHS bei Frauen – außen ruhig, innen zappelig« jeweils einen Test für eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine Diagnose, kann Dir aber einen ersten Anhaltspunkt geben.

 
Quellen
ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Dachverband e.V.: ADHS-Klassifikation nach ICD-10, DSM-5 und ICD-11.
Rong, Y. et al. (2021): Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder. A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders 83.
Miodovnik, A. et al. (2015): Timing of the diagnosis of attention-deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder. Pediatrics 136 (4).
isabel reusser autorin

Über die Autorin

Isabel Reusser

Schreibt über Neurodivergenz und Frauengesundheit, aus eigener Erfahrung. Sachlich, direkt und mit einer Prise Humor. Setzt sich dafür ein, dass Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrgenommen werden.

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