Diese Frage habe ich mir auch gestellt, bevor ich mit 47 die Diagnostik gemacht habe. Eigentlich hatte ich mein Leben ja ganz gut im Griff. Es war auch nicht viel anders als das Leben meiner Bekannten und Freunde. Auch sie kämpften damit, Job, Haushalt und Kinder irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Was sollte mir eine Diagnose da noch bringen?
Tatsächlich hat meine Krebserkrankung meinen Blick auf diese Frage verändert. Auf einmal wurde mir bewusst, wie anstrengend mein ständiges Maskieren war, nur um dazuzugehören. In so einer Ausnahmesituation lernt man sich noch einmal ehrlicher kennen.
Rückblickend hätte ich gerne früher gewusst, dass ich Autismus und ADHS habe. Es hätte meinen Lebensweg an der einen oder anderen Stelle verändert, mir viele Enttäuschungen erspart, und mein Selbstwertgefühl hätte nicht so viel Schaden genommen.
Aber eine Diagnose birgt auch Risiken, und die sollte man kennen, bevor man sich entscheidet.
Im Griff haben heißt nicht, dass es Dir gut geht
Was bedeutet »im Griff haben« eigentlich? Nach außen heißt das in unserer Gesellschaft, Du hast einen guten Job, ein geregeltes Einkommen, einen Freundeskreis und ein ordentliches Zuhause. Dazu einen Partner oder eine Partnerin und Kinder, die in der Schule nicht unangenehm auffallen und gute Noten schreiben. Als Frau siehst Du dabei auch noch gepflegt aus, hast eine schlanke Figur, gehst regelmäßig zum Sport und hast am besten noch ein interessantes Hobby. Vor allem aber funktionierst Du.
Doch dieses Funktionieren kostet Dich deutlich mehr Kraft als andere. Und innerlich bist Du sehr allein.
Viele von uns haben das schon als Mädchen gelernt. Nicht auffallen, die anderen genau beobachten, kopieren, was funktioniert. Irgendwann weiß man selbst nicht mehr, was Maske ist und was man selbst.
Neurodivergenz verstehen – für Frauen, die immer funktioniert haben
Weiterlesen: Neurodivergenz verstehen – für Frauen, die immer funktioniert habenWelche Chancen eine Diagnose bietet
Eine ADHS- oder Autismus-Diagnose bietet die Chance, sich zum ersten Mal so kennenzulernen, wie man wirklich ist. Nicht so, wie man es sich über Jahrzehnte antrainiert hat. Die Erschöpfung, das Chaos im Kopf, das Gefühl, irgendwie falsch zu sein, bekommen einen Namen. Und es ist kein Charakterfehler.
Mit diesem Wissen kannst Du Dein Leben so einrichten, wie es zu Dir passt. Nicht so, wie andere es von Dir erwarten.
Eine Diagnose kann Dich auch schützen. Wer jahrelang maskiert, geht dauerhaft über die eigenen Grenzen. Depressionen, Angststörungen und Burnout treten bei neurodivergenten Frauen deshalb deutlich häufiger auf, oft verstärkt in den Wechseljahren, wenn die Hormone sich verändern und die Kraftreserven kleiner werden. Wenn Du weißt, was hinter Deiner Erschöpfung steckt, kannst Du früher gegensteuern und bekommst eher eine Behandlung, die wirklich zu Dir passt.
Für eine ADHS-Medikation brauchst Du in Deutschland eine gesicherte Diagnose. Medikamente machen aus niemandem einen anderen Menschen. Viele Frauen erleben aber, dass der Kopf ruhiger wird, dass sie Aufgaben leichter anfangen und nicht mehr so schnell hochkochen. Ohne Diagnose bleibt diese Tür verschlossen.
Mit einer Diagnose kannst Du außerdem einen Grad der Behinderung beantragen. Das klingt für viele erst einmal abschreckend. Es kann Dir aber Anpassungen am Arbeitsplatz ermöglichen, etwa einen ruhigeren Platz oder flexiblere Zeiten, und ab einem bestimmten Grad auch zusätzlichen Urlaub und einen besseren Kündigungsschutz.
Und dann sind da die eigenen Kinder. Autismus und ADHS sind zu einem großen Teil erblich. Wer sich selbst versteht, erkennt auch bei den Kindern früher, was sie brauchen. Und kann ihnen die Chancen geben, die man selbst nie hatte.
Wo die Risiken liegen
Über ADHS und Autismus herrschen noch immer viele falsche Vorstellungen. Auf eine Diagnose folgen oft Sätze wie »Das hat doch heute jeder« oder »Du wirkst gar nicht autistisch«. Wer offen damit umgeht, wird manchmal in eine Ecke gedrängt oder nicht mehr ganz ernst genommen. Und manche Freundschaften halten das nicht aus.
Wer weniger maskiert, kommt außerdem nicht mehr überall so gut an. Man sagt öfter Nein, geht früher nach Hause, lässt den Small Talk aus. Das irritiert Menschen, die die angepasste Version gewohnt waren. Man wird ein Stück weit zur Außenseiterin. Ehrlich gesagt war man das innerlich aber oft schon lange. Jetzt sieht man es eben auch von außen.
Ganz praktisch solltest Du an Versicherungen denken. Wer noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder private Krankenversicherung abschließen oder verbeamtet werden möchte, kann mit einer gesicherten Diagnose auf Hürden stoßen. Lass Dich deshalb vorher unabhängig beraten, zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale oder bei einer unabhängigen Versicherungsberatung. Bestehende Verträge bleiben übrigens unberührt.
Und dann ist da die Trauer. Viele Frauen merken nach der Diagnose, wie viel Lebenszeit sie mit Anpassung verbracht haben. Wie viele Entscheidungen sie getroffen haben, die nie ihre eigenen waren. Die Trauer kommt oft in Wellen. Manchmal mischt sich Wut über das Verpasste darunter. Und direkt daneben steht die Erleichterung, endlich zu wissen, was mit einem los ist.
Was Dich bei der Diagnostik erwartet
Wer sich entscheidet, braucht Geduld. Stellen, die Erwachsene diagnostizieren, sind rar, und Wartezeiten von vielen Monaten bis zu mehreren Jahren sind keine Seltenheit. Wer privat versichert ist oder selbst zahlt, bekommt oft schneller einen Termin. Als Selbstzahlerin musst Du dann aber mit über 1.000 Euro rechnen.
Die Diagnostik selbst zieht sich über mehrere Gesprächstermine hin. Du füllst Fragebögen aus und sprichst ausführlich über Deine Lebensgeschichte, von der Kindheit bis heute. Oft werden auch Menschen befragt, die Dich als Kind kannten, und alte Zeugnisse können hilfreich sein. Bei Autismus kommen strukturierte Beobachtungsverfahren dazu, bei ADHS manchmal Konzentrationstests.
Ein eindeutiges Ergebnis ist trotzdem nicht garantiert. Gerade bei Frauen, die ihr Leben lang maskiert haben, ist die Diagnostik schwierig. Viele beantworten Fragebögen so, wie sie es sich antrainiert haben, und nicht so, wie sie wirklich sind. An vieles aus der Kindheit erinnert man sich nicht mehr, und die Eltern können nicht immer befragt werden. Umso wichtiger ist es, dass Du eine Person findest, die sich mit der ADHS- und Autismus-Diagnostik bei spätdiagnostizierten Frauen auskennt.
Wie Du für Dich entscheiden kannst
Wenn Du überlegst, Dich diagnostizieren zu lassen, können Dir ein paar Fragen helfen. Wie viel Kraft kostet Dich Dein Alltag? Fühlst Du Dich oft nicht dazugehörig? Würde Dir eine Erklärung helfen, Dich besser zu verstehen und Dich in der Welt besser zurechtzufinden? Brauchst Du Unterstützung, die es nur mit Diagnose gibt? Wenn Du glaubst, dass Du ADHS hast, ziehst Du in Erwägung, Medikamente zu nehmen? Und vor allem, bist Du Dir der unangenehmen Folgen bewusst und bereit, mit ihnen umzugehen?
Wenn Du eine erste Einschätzung möchtest, findest Du in meinen Artikeln »Weiblicher Autismus – Warum er so oft übersehen wird« und »ADHS bei Frauen – Außen ruhig, innen zappelig« jeweils einen Test. Er ersetzt keine Diagnose, kann Dir aber einen ersten Anhaltspunkt geben.