Du hast jahrzehntelang funktioniert. Gearbeitet, Kinder großgezogen, weitergemacht. Und trotzdem war da immer dieses Gefühl, dass alles ein bisschen mehr Kraft kostet als bei anderen. Dass du nicht ganz dazugehörst.
Irgendwann liest du einen Artikel über ADHS bei Frauen. Oder du bleibst an einem Post über Hochsensibilität hängen. Oder dein Kind bekommt die Diagnose ADHS oder Autismus und du erkennst dich darin wieder.
Dieses Gefühl, das dich dein ganzes Leben begleitet hat, bekommt einen Namen.
Dieser Artikel ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Dieses Gefühl hat einen Namen
Kennst du dieses leise, aber hartnäckige Gefühl, dass du nicht ganz in diese Welt passt? Dass du dich in Gesellschaft oft anstrengst, wo andere einfach so da sind. Dass du nachts nicht schlafen kannst, weil sich das Gedankenkarussell in deinem Kopf unaufhaltsam weiterdreht. Tagsüber fängst du tausend Dinge gleichzeitig an. Du kannst dich stundenlang in etwas versenken, das dich wirklich interessiert, und die einfachsten Alltagsdinge bleiben tagelang liegen. Du nimmst deine Umgebung sehr intensiv wahr, das Licht, Gerüche, Geräusche, die Nähe von Menschen, aber nie wusstest du genau, warum.
Wurde dir immer wieder gesagt, du bist zu sensibel, zu kompliziert oder einfach komisch. Und du hast es irgendwann selbst geglaubt.
Trotzdem hast du weitergemacht. Hast dich angepasst. Hast gelernt, dieses Gefühl tief wegzupacken, weil es keinen Platz hatte in einem Leben, das funktionieren muss. Mir ging es jahrelang genauso. Heute weiß ich, dass dieses Gefühl einen Namen hat. Neurodivergenz.
Was Neurodivergenz wirklich bedeutet
Den Begriff Neurodivergenz gibt es erst seit den späten Neunzigerjahren. Geprägt hat ihn die australische Soziologin Judy Singer, selbst autistisch, als Gegenentwurf zum reinen Defizitdenken der Medizin. Denn dort war immer nur von Störungen die Rede. Von dem, was fehlt. Was nicht funktioniert.
Singer sagte, es sei kein Defekt, sondern eine andere Art zu denken.
Zum neurodivergenten Spektrum gehören heute ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie, Hochbegabung und Hochsensibilität.
Was all diese Ausprägungen verbindet, ist die Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Nämlich anders. Nicht schlechter, aber oft inkompatibel mit einer Welt, die auf ein bestimmtes Betriebssystem ausgelegt ist.
Ist das nicht einfach ein Trend?
Ja, das Thema ist gerade überall präsent, vor allem in den sozialen Medien. Und viele werden sagen, das ist doch nur eine Modeerscheinung. Alle haben plötzlich ADHS, Autismus.
Ich kenne diesen Einwand. Ich hatte ihn selbst.
Aber die Wahrheit ist, Neurodivergenz gibt es, seit es Menschen gibt. Was sich verändert hat, sind nicht die Zahlen, sondern unsere Erkenntnisse darüber. Und die Tatsache, dass Frauen jahrzehntelang in der Forschung schlicht nicht vorkamen.
Dass jetzt viele Frauen mittleren Alters sagen „das fühle ich, das bin ich“, das sind nicht die Wechseljahrhormone oder eine Midlifekrise. Das ist Nachholbedarf. Das sind Jahrzehnte, in denen wir übersehen wurden.
Dazu kommt, die Welt, in der wir heute leben, macht es neurodivergenten Menschen nicht leichter. Social Media, ständige Erreichbarkeit, Reizüberflutung, eine Gesellschaft, die immer schneller, lauter und unruhiger wird. All das fordert ein neurodivergentes Gehirn täglich aufs Neue heraus.
Das Schlimmste am Trend-Label ist, dass es Frauen davon abhält, genauer hinzuschauen. Dabei wäre das so wichtig.
Warum wir so lange nicht hingeschaut haben
Wir Frauen haben gelernt zu funktionieren. Uns zusammenzureißen. Weiterzumachen. Aber es steckt noch etwas anderes dahinter. Wir wollen dazugehören. Teil der Gemeinschaft sein. Anerkannt werden.
Von uns Frauen wird erwartet, dass wir Beziehungen pflegen, Kinder begleiten, Freundschaften am Leben halten, Familie zusammenhalten. Das »Soziale« gilt als unsere Domäne. Wer sich zurückzieht, zu direkt ist oder Nähe ablehnt, wird schnell als kalt oder schwierig wahrgenommen. Bei Männern sieht man das oft großzügiger.
Also passen wir uns an. Wir lernen, was von uns erwartet wird. Wir beobachten, wie andere es machen, und ahmen es nach. Das nennt sich Masking. Die meisten von uns haben jahrelang genau das getan, ohne den Begriff dafür zu kennen.
Denn niemand hat uns je auf dieses Thema aufmerksam gemacht. In Frauenmagazinen lesen wir über Erschöpfung, Burnout, Schlafprobleme. In Psychotherapien geht es um Stress, Depressionen, Selbstwertgefühl. ADHS und Autismus sind Themen für auffällige Schulkinder, Jugendliche in der Pubertät, nicht für Frauen, die ihren Alltag scheinbar im Griff haben. Sie tauchen in unserer Welt schlicht nicht auf.
Brauchen wir wirklich einen Stempel?
Als Erwachsene eine Diagnostik zu bekommen ist aufwendig und kräftezehrend. Die Wartelisten sind lang, die Kosten hoch, und der Weg dorthin bedeutet erklären, warten, beweisen. Wieder und wieder.
Unser ganzes Leben haben wir bewiesen, dass wir funktionieren. Und jetzt, wo wir endlich verstehen, warum uns das so schwergefallen ist, sollen wir das Gegenteil beweisen. Nämlich, dass wir eben nicht einfach nur normal funktionieren. Ohne den offiziellen Stempel zählt es für viele nicht.
Aber reicht unsere Lebenserfahrung nicht aus? Wir haben Jahrzehnte damit verbracht zu spüren, dass wir anders ticken. Wir kennen die Erschöpfung, die niemand gesehen hat, und das Anpassen, das uns so viel Kraft gekostet hat. Wir kennen die Momente, in denen wir dachten, mit uns stimmt etwas nicht.
Jede von uns darf für sich selbst entscheiden. Manche brauchen die Diagnose, um Unterstützung zu bekommen, sei es beruflich, familiär oder therapeutisch. Und das ist vollkommen berechtigt. Anderen reicht die Selbsterkenntnis. Der neue Blickwinkel. Die Erlaubnis, das eigene Leben endlich so zu gestalten, wie es passt, ohne sich ständig unnatürlich anzupassen.
Beides ist in Ordnung. Was nicht in Ordnung ist, ist die Neurodivergenz als Ausrede zu benutzen. Sie erklärt, warum uns manches schwerfällt, aber sie entbindet uns nicht von der Rücksicht auf andere. Verstehen, warum wir sind, wie wir sind, ist kein Freifahrtschein. Es ist eine Einladung, liebevoller mit uns umzugehen.