Wer sich mit Neurodivergenz und vor allem ADHS und Autismus beschäftigt, denkt zunächst an das Gehirn – an Konzentration, Reizverarbeitung, Stimmungsschwankungen. Dass ADHS und Autismus aber auch den Körper betreffen können, ist weniger bekannt. Die Forschung zeigt zunehmend, dass neurodivergente Frauen bestimmte körperliche Erkrankungen häufiger entwickeln als die Allgemeinbevölkerung und dass diese Erkrankungen oft zusammen auftreten, ohne dass der Zusammenhang erkannt wird.
Gelenke und Bindegewebe
Gelenkhypermobilität, Gelenke, die sich weiterbewegen lassen als anatomisch üblich, kommt bei Menschen mit Autismus und ADHS deutlich häufiger vor als bei neurotypischen Menschen. Studien zeigen, dass autistische Erwachsene drei- bis fünfmal häufiger davon betroffen sind. Eine Studie aus dem Jahr 2023 stellte bei 63 bis 73 Prozent der untersuchten autistischen Kinder erhöhte Hypermobilitätswerte fest (Romeo et al., Journal of Personalized Medicine).
Hinter der Hypermobilität steckt oft das Ehlers-Danlos-Syndrom, kurz EDS – eine vererbliche Erkrankung des Bindegewebes. Bindegewebe ist im gesamten Körper vorhanden: Es stützt Gelenke, Haut, Organe und Blutgefäße. Wenn es weniger stabil ist als üblich, können gleichzeitig Beschwerden an sehr unterschiedlichen Stellen entstehen – chronische Gelenkschmerzen, häufige Verstauchungen, Muskelverspannungen, Erschöpfung. Die Diagnose kommt bei vielen erst nach Jahren, weil die Beschwerden so vielfältig sind.
Schmerz und Fibromyalgie
Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das durch Muskel- und Gelenkschmerzen, anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen und kognitive Einschränkungen – den sogenannten Brain Fog – gekennzeichnet ist. Es betrifft vor allem Frauen und kann unabhängig von Gelenkhypermobilität entstehen, tritt aber häufig gleichzeitig mit ihr auf.
Was die Diagnose so schwierig macht, alle gängigen Untersuchungsmethoden – Blutbild, Roentgen, MRT – zeigen keinen Befund. Die Beschwerden sind real, aber medizinisch unsichtbar. Viele Betroffene laufen jahrelang von Facharzt zu Facharzt, bevor sie ernst genommen werden.
Bei neurodivergenten Frauen kommt hinzu, dass das Nervensystem Schmerzreize anders verarbeitet. Das Phänomen wird als zentrale Sensibilisierung bezeichnet. Das zentrale Nervensystem reagiert empfindlicher auf Schmerzreize als bei neurotypischen Menschen, was dazu führt, dass Schmerzen intensiver wahrgenommen werden, auch wenn keine strukturelle Ursache erkennbar ist.
Herz-Kreislauf und autonomes Nervensystem
Das autonome Nervensystem steuert Funktionen, die wir nicht bewusst kontrollieren – Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Temperaturregulation. Bei neurodivergenten Menschen ist dieses System anders reguliert als bei neurotypischen, mit Konsequenzen für den gesamten Körper.
Eine bekannte Folge dieser Dysregulation ist POTS – das Posturale Orthostatische Tachykardie Syndrom. Beim Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen steigt der Puls ungewöhnlich stark an, was zu Schwindel, Herzrasen, Benommenheit und ausgeprägter Erschöpfung führt. POTS wird bei neurodivergenten Menschen, insbesondere bei Frauen, häufiger beschrieben als in der Allgemeinbevölkerung. Es tritt zudem häufig gemeinsam mit Gelenkhypermobilität, Fibromyalgie und Autoimmunerkrankungen auf. POTS wird häufig als Angststörung oder allgemeine Erschöpfung fehlgedeutet, auch weil es überwiegend Frauen betrifft und deren Beschwerden im Medizinsystem systematisch unterschätzt werden.
Magen, Darm und Immunsystem
Gastrointestinale Beschwerden sind bei neurodivergenten Frauen weit verbreitet. Reizdarmsyndrom, Sodbrennen, Übelkeit, Nahrungsmittelunverträglichkeiten. All das tritt häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Der Zusammenhang liegt einerseits im Bindegewebe, das auch die Darmwand betrifft, andererseits in der anderen Reizverarbeitung des Nervensystems über die Darm-Hirn-Achse.
Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) wird ebenfalls vermehrt bei neurodivergenten Menschen beschrieben. Mastzellen sind Teil des Immunsystems. Bei MCAS reagieren sie überaktiv und setzen zu viele Botenstoffe frei. Das kann sich als allergieähnliche Beschwerden, Magen-Darm-Probleme, Überempfindlichkeit auf Gerüche oder Temperaturen und verstärkte Erschöpfung zeigen. MCAS wird häufig nicht erkannt oder mit anderen Erkrankungen verwechselt.
Hormone und Zyklus
Hormonelle Veränderungen betreffen neurodivergente Frauen oft stärker als andere und zwar durch alle Lebensphasen hindurch.
Der monatliche Zyklus macht dich deutlich bemerkbar. Viele neurodivergente Frauen berichten von einer Verschlechterung ihrer Symptome in der zweiten Zyklushälfte. Was häufig als PMS abgetan wird, kann auf ein Prämenstruelles Dysphorie Syndrom hinweisen. Eine schwere Form des PMS, die das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen kann und bei neurodivergenten Frauen häufiger auftritt.
PCOS (Polyzystische Ovarialsyndrom) ist eine weitere hormonelle Erkrankung, die bei Frauen mit ADHS häufiger vorkommt. Typische Anzeichen sind unregelmäßige Menstruation, erhöhte Androgenwerte und mögliche Fertilitätsprobleme.
Besonders einschneidend ist die Perimenopause. Östrogen beeinflusst direkt das Dopaminsystem und die sensorische Reizschwelle. Beides spielt bei ADHS und Autismus eine zentrale Rolle. Wenn der Östrogenspiegel zu schwanken beginnt, bricht für viele Frauen das zusammen, was jahrzehntelang funktioniert hat. Das Maskieren kostet plötzlich zu viel Energie. Der Alltag, der bisher irgendwie funktioniert hat, wird immer schwieriger zu bewältigen. Das erklärt, warum viele Frauen in dieser Lebensphase zum ersten Mal ernsthaft über Neurodivergenz nachdenken oder erstmals eine Diagnose bekommen.
Nach der Menopause, wenn sich die Hormonspiegel auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert haben, berichten manche Frauen von einer gewissen Entlastung. Die Forschung dazu ist noch begrenzt, aber es gibt Hinweise darauf, dass die Schwankungen in der Perimenopause das Belastendste sind, nicht das niedrige Östrogenniveau selbst.
Ein Körper, der anders funktioniert
Diese Erkrankungen treten nicht zufällig gemeinsam auf. Genetische Faktoren, Besonderheiten im autonomen Nervensystem, eine andere Reizverarbeitung und hormonelle Einflüsse verbinden sie. Hinzu kommt der Langzeiteffekt von chronischem Stress. Jahrelanges Maskieren, sensorische Überbelastung und das Fehlen passender Diagnosen belasten den Körper dauerhaft.
Neurodivergente Frauen werden mit diesen Beschwerden medizinisch oft nicht ernst genommen oder die Symptome werden getrennt voneinander betrachtet, ohne den Zusammenhang zur Neurodivergenz herzustellen. Das Bewusstsein dafür wächst. Wer die Verbindungen kennt, kann gezielter nach Antworten suchen.
Ich selbst habe jahrelang nach Ursachen für viele meiner Symptome und Schmerzen gesucht. Heute verstehe ich meinen Körper besser und kann gezieltere Entscheidungen treffen.