Eine Strategie für die intensive Midlifephase? Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Ich war fest davon überzeugt, ich schaffe alle Herausforderungen locker. Ich funktionierte und verdrängte den schleichenden Prozess aus körperlicher und mentaler Überforderung. Anstatt einen Gang zurückzuschalten und einen realistischen Blick auf meine Lebenssituation zu werfen, begegnete ich der immer größer werdenden Unzufriedenheit mit kopflosem Aktionismus.

Ich verrannte mich in unrealistische Projekte, die mit meinem Familienleben und persönlichen Energielevel überhaupt nicht vereinbar waren. Das Resultat – gescheiterte Unternehmungen und jede Menge Frust.

Ich hatte keine Strategie. Betrachtete die einzelnen Baustellen in meinem Leben vollkommen losgelöst von einander, anstatt mich mit dem großen Ganzen zu beschäftigen.

Erst die sachliche Analyse aller Fakten verschaffte mir die Klarheit, Schritt für Schritt meine Veränderung in meinem Tempo voranzutreiben.

Warum ist diese Midlifephase so herausfordernd?

Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Lebensphasenmodell des niederländischen Arzt und Anthroposophen Bernard Lievegoed (1902-1992).  Er unterteilt das Erwachsenenleben in drei große Phasen mit jeweils 7-Jahres-Abschnitten.

Zwischen dem 21. und 42. Lebensjahr befinden wir uns in der aktiven Phase (Erwachsen werden). Wir sind körperlich und mental auf der Höhe unseres Lebens. Das eigene Leben steht im Vordergrund.Die ersten 7 Jahre dieser Phase (21-28 Jahre) werden auch als Sturm und Drang Zeit bezeichnet. Wir probieren uns mutig im Erwachsenenleben aus. Darauf folgt zwischen dem 28. und 35. Lebensjahr die organisatorische Zeit. Hier wird die Karriere aufgebaut, eine ernsthafte Partnerschaft eingegangen und es folgt die Familienplanung. Mit ca. 35 Jahren erleben wir eine selbstkritische Zeit. Das Leben wird hinterfragt und wir wachsen zu reifen Erwachsenen.

Zwischen dem 42. und 63. Lebensjahr befinden wir uns in der 2. großen Lebensphase – der sozialen Phase (Reife). Sie beginnt mit der Zeit der Krise. Hier gilt es nicht nur die vielfältigsten Herausforderungen im Beruf- und Privatleben zu meistern, sondern auch die körperlichen Kräfte lassen zunehmend nach. Frauen, aber auch Männer kommen in die Wechseljahre. Der fallende Hormonspiegel hat Einfluss auf unsere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Viele Menschen erleben in dieser Phase des Umbruchs eine Sinnkrise. Fragen sich, ob das alles im Leben war. Bedauern verpasste Chancen. Manchmal ist die Orientierungslosigkeit ähnlich groß wie in der Pubertät. Wenn dann noch ein oder mehrere pubertierende Teenager im Haushalt leben, kann daraus eine sehr explosive Familienkonstellation entstehen.

Ab ca. dem 49. Lebensjahr in der Zeit der Synthese beruhigt sich das Leben wieder etwas. Zumindest für diejenigen, die reflektiert durch die Zeit der Krise gegangen sind und einen neuen Weg für sich gefunden haben. Viele entdecken, dass sie in einem größeren sozialen Engagement und weniger Konzentration auf das eigene Leben eine Zufriedenheit finden. Wer sich dem Veränderungsprozess nicht stellt, wird in der Zeit ab dem 56. Lebensjahr die nächste Krise erleben. Spätestens jetzt sollte die Abkehr vom Jugendwahn erfolgen und der Blick auf die inneren Werte gerichtet werden. Ansonsten wird der Übergang in die 3. Lebensphase der geistigen Phase (Alter) mit einer großen Verbitterung verbunden sein. Der körperliche Verfall ist ab jetzt nicht mehr aufzuhalten. Wer den Übergang in die Phase mit mentaler Reife und Akzeptanz begegnet, erlebt die zweite Jugend. Viele Menschen sind in dieser Phase deutlich zufriedener und glücklicher als in jüngeren Jahren, wenn sie in der Midlifekrise die Weichen für das Leben im Alter richtig gestellt haben.

Du siehst wie wichtig es ist, in der Lebensmitte die richtigen Entscheidungen zu treffen und eine Lebensstrategie mit Perspektive zu entwickeln, anstatt den Emotionen mit blindem Aktionismus zu begegnen.

Was kannst Du tun, um die Phase der Lebensmitte gut zu überstehen?

Wichtig ist es, trotz der vielen Emotionen zu versuchen, einen klaren Blick für die Gesamtsituation zu behalten.  Ich nenne das gerne faktenbasierte Lösungsorientierung. Ich weiß, ein eher gefühlskalter Begriff. Auch wenn es unangenehm ist und weh tut, ist die rationale Betrachtung Deiner Lebenssituation ein sinnvoller Weg, Dein Leben so zu gestalten, dass Deine Gefühle, Emotionen und Wünsche ihren richtigen Platz finden. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass erst als ich mich den Fakten meines Lebens stellte, ich die richtigen Veränderungsprozesse angestoßen habe. Ich hörte auf, mich mit anderen zu vergleichen, mich selbst zu bemitleiden und entwickelte mutig aus meinen Möglichkeiten realistische Ziele.

Ist der Prozess abgeschlossen? Nein, die Basisstrategie steht, wird aber immer wieder nach den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Während in jüngeren Jahren die Umsetzung des statischen Lebensstrategieplans (schneller, höher, weiter) noch recht gut funktioniert, lernen wir spätestens ab der Lebensmitte mit Widrigkeiten (wie zum Beispiel Scheidung, Krankheit, Jobfrust etc.) umzugehen. Ein wichtiger Lernprozess der Lebensmitte ist Flexibilität.

Wie sieht ein Midlifestrategieplan aus?

Mein Midlifestrategieplan ist vor allem wertebasiert und auf eine gesunde Lebensbalance ausgerichtet. Alle Lebensthemen werden kritisch und offen thematisiert. Das macht es aus meiner Erfahrung leichter mit den schwierigen Themen umzugehen und die richtigen Lösungen zu finden. Ich erlebe immer wieder, dass gerade in der Midlifephase verzweifelt versucht wird, ein perfektes Bild nach außen aufrechtzuerhalten. Anstatt offen und ehrlich über Probleme und Herausforderungen zu sprechen, wird beispielsweise die unbefriedigende Beziehung mit exzessivem Sport, einer krankhaft gesunden Ernährung, einer Affäre oder übersteigertem Ehrgeiz, was die Kinder erreichen sollen, kompensiert. Das hilft kurzfristig die unangenehmen Gefühle zu verdrängen, langfristig führt es leider in die Abwärtsspirale aus Unzufriedenheit und Einsamkeit.

Hole Dir professionelle Unterstützung!

In einer Lebenskrise sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Die Gefahr ist groß, dass Du Deine letzten Energien an den falschen Stellen verschwendest. Eine neutrale Person kann Dir helfen, Deine vielfältigen Herausforderungen zu sortieren und den richtigen Fokus zu setzen. Außerdem kommen unangenehme Themen eher zur Sprache, die bei der Selbstreflexion aus Schutz vor der eigenen Verletzlichkeit, meistens verdrängt werden. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich hätte meinen Teufelskreis ohne professionelle Hilfe nicht durchbrechen können. Leider schämen sich immer noch zu viele Menschen Unterstützung anzunehmen, da sie meinen, es sei ein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil ein starker Charakter nimmt Hilfe an und hat den Mut sich weiterzuentwickeln.

 

DSGVO Cookie Einwilligungen mit Real Cookie Banner